BOTSCHAFT DER LIEBE, DES TROSTES UND DER UNTERSTÜTZUNG ALLEN BRÜDERN UND SCHWESTERN DER AUGSBURGER KIRCHENGEMEINDE

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Gemeindemitglieder,

die Lage, in der wir uns befinden, ist für alle Aspekte unseres Alltags außergewöhnlich: für die Familie, für die Arbeit und finanzielle Sicherheit, für das soziale Leben und insgesamt für die allgemeine Sicherheit. Für uns Christen, so scheint es mir, erweist sich diese Situation noch außergewöhnlicher, indem sie uns momentan – vorübergehend – unseres liturgischen Lebens, dieser zentralen Möglichkeit mit Christus, unserem Erlöser, eins zu werden, beraubt.

Es ist ganz klar, dass es für die Kirche unnatürlich und irregulär, in anderen Worten nicht normal ist, sich am Tag des Herrn, sonntags, nicht zu versammeln und Gott dankend „für alle uns erwiesenen Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenbaren und die verborgenen“ das blutlose Opfer nicht darzubringen. Es ist für die Kirche nicht normal, die Gemeinschaft des Leibes und des Blutes Christi nicht verwirklichen zu können. Gerade deswegen ist diese Lage für uns buchstäblich eine Ausnahmesituation. All das bedeutet aber nicht, dass unsere Gemeinschaft mit Gott aufhört, oder die Kirche nicht mehr existiert, nur weil wir uns an einem Ort nicht versammeln können. Genau das Gegenteil ist der Fall, denn wir wissen, keine Versuchung dieser Welt kann und wird die Kirche überwältigen! Das lehrt uns der Herr persönlich durch die Worte, die Er Apostel Peter widmete: „[…] und die Pforten der Hölle werden sie [die Kirche] nicht überwältigen“ (Matthäus 16:18).

Wie Sie alle wissen, befinden wir uns in einem ganz besonderen Zeitraum im Jahr, in der Großen Fastenzeit, die dem Feiertag der Auferstehung Christi vorangeht. Dies ist eine heilige Zeit, eine Zeit der Weihe, eine Zeit, während welcher wir noch entschlossener und kräftiger gegen alle Versuchungen kämpfen. In dieser Zeit kämpfen wir gegen Leidenschaften und Gewohnheiten, die über uns herrschen, wodurch sie unsere geistige Sicht trüben und unsere, nach Gottes Bild erschaffene und uns gegebene Vernunft erniedrigen. Zu fasten bedeutet, gegen alle diesen Leidenschaften zu kämpfen, um unser ganzes Wesen, unseren ganzen Geist und unser ganzes Herz für Gott zu öffnen. Deswegen ist es wichtig, gesegnet und gut, auch unter diesen Umständen ohne Gottesdienste und ohne Kommunion, weiter zu fasten! Auf keinen Fall dürfen wir verzweifeln oder denken, es wäre umsonst, weiter zu fasten, wenn man keine Kommunion bekommen kann. Erinnern wir uns, beispielsweise, an die heilige Maria von Ägypten (†421), die erst nach über 40 Jahre des asketischen Lebens in der Wüste die Kommunion bekommen hat. Dennoch, unter den Umständen, die durch die Coronavirus-Epidemie entstanden sind, und unter welchen eine etwas nahrhaftere Ernährung wichtig oder sogar ausschlaggebend für die Gesundheit oder die Genesung der Kranken sein könnte, kann jeder nach eigenem Bedarf und Gewissen den diätetischen Aspekt des Fastens mildern. Dabei sollten die Gebete jedoch verstärkt und geistige Aspekte des Fastens vertieft werden.

Dieses Unglück, das alle Menschen befallen hat, unabhängig davon ob sie Christen sind oder nicht, ob sie gläubig sind oder nicht, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht oder Alter, sollen wir als Versuch und Prüfung der Liebe und des Glaubens verstehen. Dabei sollen wir uns stets daran erinnern, dass alles geschieht, weil Gott es zulässt („Erlaube es mir nicht, in den unerwarteten Fällen zu vergessen, dass alles nach Deiner Zulassung geschieht“). Auch diese Erprobung hat Gott mit Grund zugelassen. Das sollen wir jedoch nicht so verstehen, dass Gott, der den Menschen liebt, will, dass Menschen leiden und ihnen Leiden zufügt, sondern, dass Er, nach Seiner ewigen Vorsehung, alles wissend, Erprobungen zulässt. Darüber hinaus erhalten wir fast im Stunden- oder sogar Minutentakt eine unübersichtliche Menge an sehr unterschiedlichen Informationen, welche uns aufgrund ihrer Diversität, Ausführlichkeit und Tendenziösität noch mehr verwirren bzw. unser Urteilsvermögen, unsere Vernunft und geistige Sicht trüben können. In Bezug darauf sollen wir, als diejenigen, die Christus treu sind, mindestens diese vier Fakten im Sinn haben: 1) alles geschieht, weil Gott es zulässt (allerdings nicht, weil Er es per se will); 2) während der Fastenzeit sollen wir, unter anderem, unseren unkontrollierbaren Informationskonsum verringern, um unseren Geist für Den, Der selbst das Leben ist zu reinigen (dabei sollen wir wachsam sein und als verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger die Anweisungen der Landes- und der Bundesregierung sowie der Ärzte befolgen); 3) der beste und der effizienteste Weg, die Welt besser zu machen, ist, uns durch Fasten, durch authentische und ehrliche Askese sowie mit Gebet, Christus nachzueifern; und 4) nicht mal die Pforten der Hölle werden die Kirche überwältigen.

Wie ich es bereits erwähnte, stellt dieses Unglück auch eine große Prüfung des Glaubens und der Liebe dar. Unser Glaube wird auf die Probe gestellt, da wir unter diesen drastischen Umständen ohne Gottesdienste zeigen müssen, ob wir unser kirchliches Leben – und sogar Gott selbst – als etwas Magisches und Rituales verstehen, und in diesem Sinne den Gottesdienstausfall als die Abwesenheit Gottes und Seiner Gnade erleben, ODER ob wir, in Übereinstimmung mit unserer Überlieferung, mit unserem Glauben in den Erlöser, der für uns Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist, glauben, spüren und wissen werden, dass er gesagt hat: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28:20). Wir werden also wissen, dass der Heilige Geist allgegenwärtig und alles erfüllend ist, aber auch, dass Gott möglich macht, was Menschen unmöglich ist (Matthäus 19:26). Nicht weniger wichtig, ganz im Gegenteil, ausschlaggebend ist es für uns Christen, wie wir unsere Liebe für den Nächsten, für jeden Menschen, unter Beweis stellen werden. An diesen schweren Tagen, die keinem leichtfallen, wird auch unsere Liebe für den anderen auf die Probe gestellt. Denn, sich selber zu schützen ist gut und wichtig, aber die anderen vor sich zu schützen, auch wenn die Gefahr nur potentiell ist, erweist sich als höher und zeugt von der Liebe, die wir in uns haben, und die wir mit unseren Taten bezeugen sollen. Es ist gut, ein Held zu sein, aber es ist noch besser, größer und gesegneter, ein Mensch zu sein, eine Tat der Menschlichkeit zu vollziehen – also eine Tat der Liebe! All das bedeutet, es gibt keinen Platz für Egoismus, durch die Einhaltung von Distanz schützen wir die anderen, und das ist Gott lieb. Taten der Liebe wirken erlösend.

Deswegen, Brüder und Schwestern in Christus, lasst uns uns schützen, aber genauso auch die anderen. Auf diese Weise zeigen wir Verantwortung und Hingabe für den Nächsten. So wird unser Herr, Jesus Christus, erkennen, dass wir Seine Anhänger sind, wenn wir einander lieben (Johannes 13:34–35). In anderen Worten passen wir aufeinander auf, der Welt das Licht Christi bezeugend, damit die Welt uns als die Träger des Lichtes erkennen kann. Schließlich belehrt durch den Herrn, lasst uns „dem Kaiser geben, was dem Kaiser gehört“ (Markus 12:17), also lasst uns die Anordnungen des Staates, in dem wir leben, befolgen. Halten wir uns an die Vorsichtsmaßnahmen, die der Staat anordnet, damit wir auch auf diese Weise beweisen können, als Christen für den Einzelnen sowie für die Gesellschaft verantwortlich zu sein.

Unser Glauben, wie auch unser Gebet, besitzen eine große Kraft. Wir sollen wissen, Gott ist und Er wird mit uns sein, solange wir uns an Ihn mit reinem Herzen wenden. Es hat noch keine Erprobung gegeben, die nicht irgendwann vorbei war. So wird auch diese vorbei sein. Bis dahin, genauso wie davor und wie immer, lasst uns zu unserem Herrn beten: „Lenke meinen Willen und bring mir bei zu beten, zu glauben, zu hoffen, zu ertragen, zu vergeben und zu lieben. Amen.“

In Augsburg, am 21.03.2020

Ihr Pfarrer,

Vater Nenad

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.